20 Jahre Beirat für Menschen mit Behinderungen
Mitreden, mitgestalten, Veränderungen anstoßen
Seit 20 Jahren setzt sich der Beirat für Menschen mit Behinderungen dafür ein, dass Teilhabe und Barrierefreiheit in Cuxhaven nicht nur gute Vorsätze bleiben. Vieles, was heute selbstverständlich erscheint, trägt auch die Handschrift des Gremiums. Kurz vor der Neuwahl blickt die langjährige Vorsitzende Christine Wagner auf zwei Jahrzehnte voller Gespräche, Beharrlichkeit und sichtbarer Veränderungen zurück.
Barrierefreiheit beginnt für Christine Wagner nicht erst bei großen Bauprojekten. Sie beginnt dort, wo Menschen im Alltag auf Hindernisse stoßen – beim Zugang zu einem Wahllokal, auf Spielplätzen, am Strand oder bei einem Behördengang. Genau hier setzt die Arbeit des Beirats an.
Gemeinsam mit ihren Stellvertreterinnen Sandra Elbers und Gudrun Wäschenbach vertritt Wagner den Beirat derzeit nach außen. Über viele Jahre hat sie dessen Entwicklung maßgeblich begleitet. Besonders wichtig waren ihr dabei die Aktionstage zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Mit wechselnden Schwerpunkten rund um Hören, Sehen oder psychische Beeinträchtigungen ging es dabei nie um reine Symbolik. Der Beirat wollte informieren, Begegnungen ermöglichen und vor allem eines erreichen: mehr Aufmerksamkeit für die unterschiedlichen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen.
Aus Ideen werden konkrete Veränderungen
In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist daraus eine lange Liste von Projekten und Verbesserungen entstanden. Dazu gehören unter anderem eine eigene Satzung für den Beirat, ein Stadtplan mit wichtigen Anlaufstellen, Verbesserungen beim Zugang zu Wahllokalen sowie der Einsatz für inklusivere Spielplätze und eine besser zugängliche Strandpromenade.
Auch Rathausbesucherinnen und -besucher profitieren von den Veränderungen. Besonders stolz ist Wagner auf die Möglichkeit, bei Behördengängen Unterstützung durch Gebärdensprachdolmetscher in Anspruch nehmen zu können. Für sie ist das ein Beispiel dafür, wie Teilhabe ganz konkret funktionieren kann.
Immer wieder war der Beirat auch bei größeren Vorhaben gefragt. Beim Umbau des Ahoi-Bads, dem Umzug des Stadtarchivs, dem Bau des Wattenmeer-Besucherzentrums, am Bürgerbahnhof, bei der Skateranlage, Schloss Ritzebüttel und dem ZOB konnte das Gremium seine Perspektive einbringen. Auch bei kleineren Projekten zeigen sich die Ergebnisse der Zusammenarbeit. Bei der neuen WC-Anlage am Wochenmarkt wurden die Empfehlungen des Beirats vollständig berücksichtigt – inklusive Liftsystem und klappbarer Liege.
Als besonderes Beispiel für gelungene Zusammenarbeit nennt Wagner das neue Hallenbad. Die konsequente Berücksichtigung der Bedürfnisse von Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen habe hier zu einem Ergebnis geführt, das weit über Cuxhaven hinaus Anerkennung finde. Entscheidend sei dabei vor allem der Austausch auf Augenhöhe zwischen Planung und Beirat gewesen – verbunden mit der Bereitschaft aller Beteiligten, gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden.
Barrierefreiheit wird Teil der Stadtentwicklung
Dass der Beirat heute bei Fragen der Stadtentwicklung gehört wird, zeigt sich auch an aktuellen Vorhaben. Die Fahrradstraße im Grünen Weg, die geplante Sanierung von Bushaltestellen oder die Gestaltung des Deichbands sind Beispiele dafür, wie die Perspektive von Menschen mit Behinderungen in Planungen einfließt.
Besonders vielversprechend ist für Wagner die Planung am Sahlenburger Deich. Vorgesehen sind unter anderem ein taktiles Leitsystem, Orientierungstafeln für Menschen mit Sehbehinderungen, Rampen und ein inklusiver Spielplatz. Auch in der Stadtbibliothek sollen die Bedingungen weiter verbessert werden – unter anderem durch ein barrierefreies WC und eine automatische Tür.
Und die Entwicklung endet nicht an der Innenstadtgrenze. Auch in den Ortsteilen finden sich Ergebnisse des Austauschs: von zusätzlichen Sitzmöglichkeiten über barrierefreie Müllstationen bis hin zu Verbesserungen auf Sportplätzen und Schulhöfen. Förderprogramme wie „Soziale Stadt“ haben zudem dazu beigetragen, den barrierefreien Umbau von Wohnraum voranzubringen.
„Es passiert extrem viel“
Dass sich in Cuxhaven in den vergangenen Jahren einiges bewegt hat, steht für Wagner außer Frage. Gleichzeitig betont sie, dass Barrierefreiheit kein freiwilliges Entgegenkommen sei. Die Rechte von Menschen mit Behinderungen seien durch die UN-Behindertenrechtskonvention verbindlich verankert. Der Beirat fordere deshalb keine Sonderbehandlung, sondern die gleichberechtigte Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Für Wagner liegt gerade darin eine der wichtigsten Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre: Was lange erklärt, eingefordert und erkämpft werden musste, wird zunehmend als selbstverständlicher Bestandteil von Planung und Verwaltung verstanden.
Der Beirat hat inzwischen auch institutionell einen festen Platz. Er verfügt über eine beratende Stimme im Ausschuss für Jugend, Soziales, Familie und Gleichstellung sowie im Kriminalpräventiven Rat und ist in der Regiogruppe des Niedersächsischen Inklusionsrats vertreten. Themen wie inklusiver Katastrophenschutz gehören ebenfalls zu den aktuellen Aufgaben.
Jetzt ist Mitmachen gefragt
Zum 20-jährigen Bestehen richtet sich der Blick deshalb nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorn. Der Beirat wird neu gewählt und bietet damit Menschen, die sich für die Belange von Menschen mit Behinderungen einsetzen möchten, die Möglichkeit, selbst Verantwortung zu übernehmen.
Die nächste Sitzung findet am Montag, 17. August, um 17 Uhr im Haus der Jugend statt. Dort wird auch über die anstehende Wahl und die Voraussetzungen für eine Kandidatur informiert. Angesprochen sind ausdrücklich auch Eltern von Kindern mit Behinderungen sowie Beschäftigte aus Werkstätten. Wählbar sind unter anderem Personen ab 18 Jahren mit Wohnsitz in Cuxhaven.
Der 15-köpfige Beirat besteht aus sieben Ratsmitgliedern, sechs Menschen mit Behinderungen beziehungsweise Eltern sowie zwei Personen, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit den Belangen von Menschen mit Behinderungen beschäftigen. In der konstituierenden Sitzung des neuen Gremiums werden anschließend der Vorstand sowie die Vertreterinnen und Vertreter für Ausschüsse und Planungsgruppen bestimmt. Durch die Möglichkeit, auch Stellvertretungen zu besetzen, entstehen zusätzliche Wege, sich einzubringen.
Auch die Sitzungen selbst stehen allen Interessierten offen. Bürgerinnen und Bürger können Fragen vorab einreichen und diese in der Sitzung beantworten lassen. Am Ende besteht zudem die Möglichkeit, Fragen zu den jeweiligen Tagesordnungspunkten zu stellen.
20 Jahre Beirat für Menschen mit Behinderungen bedeuten damit vor allem 20 Jahre Beteiligung: zuhören, nachhaken, Lösungen suchen und Veränderungen anstoßen. Vieles davon ist inzwischen im Stadtbild angekommen. Die nächste Generation des Beirats steht nun bereit, diesen Weg weiterzugehen.
Gemeinsam mit ihren Stellvertreterinnen Sandra Elbers (links) und Gudrun Wäschenbach (nicht auf dem Bild) vertritt Christine Wagner (rechts) den Beirat derzeit nach außen. Foto: Stadt Cuxhaven
