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Vereinigung von Cuxhaven und Döse 1905

Vereinigung von Cuxhaven und Döse, 1905
Torsten Thees

„Wie der Handel Hamburgs und die Schifffahrt auf der Elbe größer sei als Bremens Handel und der Schiffsverkehr auf der Weser, so müsse auch Cuxhaven Dank seiner bevorzugten Lage der natürlichen Entwicklung folgend, Bremerhaven an Größe und Bedeutung mindestens gleichkommen.“
Mit dieser Bemerkung – die hier gewiss auf ein breites Echo stieß – läutete Dr. Gustav Wilhelm Kaemmerer, Amtsverwalter im Amte Ritzebüttel, im Jahre 1895 die zweite Runde in seinen Bemühungen um die Vereinigung von Cuxhaven und Döse ein.
Dr. Kaemmerer, Schöpfer des neuzeitlichen Cuxhaven
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Gustav Wilhelm Kaemmerer


Kaemmerer hatte seinen Posten 1892 angetreten, unter anderem mit dem Ziel, die einzelnen kleinen Ortschaften seines Amtsgebietes zu einer – auch wirtschaftlich – lebens- und konkurrenzfähigen Großgemeinde zusammenzuschließen, dessen zentralen Kern Cuxhaven bilden sollte. Um das Amt auf diese Aufgaben vorzubereiten, unternahm Kaemmerer dann auch erhebliche Schritte, wie etwa die Verbesserung des Fürsorge- und Armenwesens, die Anlage eines vorbildlichen Trinkwasser- und Kanalisationssystems oder den Bau eines mit Klinkern gepflasterten Straßennetzes zwischen den einzelnen Amtsgemeinden. Folgerichtig lenkte Kaemmerer auch sofort - noch 1892 – die Aufmerksamkeit auf die politische Vereinigung der Gemeinden. Zu einer ersten Sondierung wandte sich er sich nicht etwa an die Döser Gemeindeversammlung, sondern an die Döser Grundeigentümer, wohl um die ganze Angelegenheit weniger offiziell zu gestalten. Das Ergebnis der „vertraulichen Besprechung“ war gleichwohl vernichtend: Die Bewohner Döses sprachen sich geschlossen gegen den Anschluss an Cuxhaven aus, lediglich die Bewohner der Bernhardstraße waren dafür, und zwar aus – ganz wörtlich – naheliegenden Gründen, denn die Grenze zu Cuxhaven verlief zwischen Bernhard- und Catharinenstraße.
Bernhardstraße um 1900
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Die Bernhardstraße


Von dieser ersten Niederlage ließ sich Kaemmerer allerdings nicht weiter beeindrucken, warb in den nächsten beiden Jahren eifrig für seine Sache und benutzte dabei -listenreich- schlagkräftige Argumente: Zum einen trieb er gerade in Döse den Chausseebau besonders voran, zum anderen stellte er den Dösern eine einheitliche Straßenbeleuchtung in Aussicht. So konnten denn die Einwohner am 19. Januar 1895 nicht länger widerstehen und auf einer Gemeindeversammlung, in der Kaemmerer noch einmal Gelegenheit gegeben wurde „in längerer Ausführung die Zweckmäßigkeit des Anschlusses“ zu erläutern, wurde die Vereinigung mit Cuxhaven nun sogar einstimmig beschlossen, jedoch – ebenso gewitzt – ausdrücklich nur unter dem Vorbehalt, dass die Baumaßnahmen fortgesetzt werden.
Exakt neun Monate später waren sich die Döser auch einig darüber, dass sie nun lange genug auf die Geburt der neuen Großgemeinde gewartet hätten, und forderten vom geplagten Amtsverwalter in einem Schreiben, das mit den Unterschriften von 89 (!) engagierten Bürgern versehen ist, doch nun endlich „dahin wirken zu wollen, daß die Vereinigung beider Gemeinden möglichst bald vollzogen werde.“ Kaemmerer wird dieser Supplik, die der Wirklichkeit ja im Grunde Hohn sprach, einigermaßen fassungslos gegenüber gestanden haben, dennoch entsprach die scheinbare Döser Eile völlig seinen eigenen Absichten.
Für Kaemmerer galt es nun, nach und nach die verschiedenen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Eines davon, die Zustimmung der anderen Gemeinde, nämlich Cuxhavens, wurde offenbar nicht einmal als Problem erkannt, denn bis dahin ist nicht ein einziges Gespräch zwischen Kaemmerer und den verantwortlichen Gremien protokolliert worden, obwohl er bei zahlreichen Sitzungen anwesend war. Möglicherweise herrschte in Cuxhaven eine derart positive Grundhaltung, dass man den bloßen (bejahenden) Akt bis zu dem Zeitpunkt einfach nicht als nötig empfand. Größere Schwierigkeiten machte da schon die Rechtslage. Zwar sah die Hamburgische Landgemeinde-Ordnung von 1871 die hiesigen Planungen in dem Artikel 5 „Verbindung mehrerer Gemeinden“ durchaus vor, andererseits reichte die Ordnung für die neue Großgemeinde nicht mehr aus und es galt manches zu überdenken, zu ergänzen oder gar neu zu fassen. Da war zum Beispiel die Bürgermeisterfrage. Die beteiligten Gremien waren sich einig darin, dass die neue Ortschaft so groß werde, dass ehrenamtliche Kräfte nicht mehr ausreichen und der Posten eines hauptamtlichen Bürgermeisters eingerichtet werden müsste. Die Höhe der Verantwortung, die Art der Geschäftsführung, aber auch die Größe des zu zahlenden Honorars gaben zu mancher besorgter Diskussion Anlass. Über die Abarbeitung derartiger Formalia gingen die Monate und letztlich sogar Jahre ins Land, Zeit genug für die Döser, sich neu zu orientieren und dem Amtsverwalter 1901 ein Dokument zuzuleiten, das sechs „Gründe gegen eine Vereinigung Döses mit Cuxhaven“ enthält. In dem zweieinhalbseitigen Schreiben sind die Gründe des Verfassers nicht immer von edelster Motivation bestimmt, so heißt es zum Beispiel: „Im Jahre 1895 hätte Döse durch die Vereinigung pekuniär gewonnen. Heute, da Döse von gut situierten und steuerkräftigen Leuten als Wohnplatz bevorzugt wird, [...], liegt für uns als Gemeinde nicht die geringste Veranlassung vor auf die hinsichtlich des Gemeindebudgets günstige Zukunft Verzicht zu leisten.“ Als recht unverfroren mag Kaemmerer angesichts solcher Argumente übrigens auch den recht knappen Punkt 6 der Liste empfunden haben: Für eine weitere Selbständigkeit sprächen auch „Gründe der Pietät“.
Von nun an wurde die Gangart natürlich schärfer. Die Döser Gemeindeversammlung schuf jetzt eine Kommission um eventuelle neue Verhandlungen vorzubereiten und nannte sie ganz provokant offiziell „Einverleibungskommission“. Es bildete sich aber auch eine Bürgerbewegung, die mit rund 200-300 Unterschriften darauf sann, die alte Gemeindeversammlung durch eine neue ‚mit einem realistischeren Blick‘ zu ersetzen. Auf der anderen Seite waren Landherr und Amtsverwalter nämlich dazu übergegangen, sich gegenüber einem Antrag der Döser auf finanzielle Unterstützung taub zu stellen, so verspreche „ein Antrag auf weitere staatliche Beihülfe wenig Erfolg“, eine Verbesserung der finanziellen Verhältnisse hätte allerdings „durch die wiederholt empfohlene Vereinigung mit Cuxhaven herbeigeführt werden“ können.
Argumente dieser Art waren nur schwer zu entkräften und noch im selben Jahr konnte Kaemmerer nach Hamburg berichten, dass ihm nach zwei Sitzungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit der entscheidende Durchbruch gelungen und der Weg zur Vereinigung frei sei. Das hinderte die Döser übrigens keineswegs, noch zwei Jahre später anlässlich von Neuwahlen mit der theatralischen Parole zu werben: „Anschluss oder Nichtanschluss an Cuxhaven, das ist jetzt die Frage“ – woraus sich allerdings keine neuen Streitigkeiten mehr ergaben.
Im Gegenteil, die Sitzungen verliefen von nun an sachlicher; Meinungsverschiedenheiten konnten zügig beigelegt
Der Vorstand der neuen Gemeinde Cuxhaven von 1905
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Der neue Gemeindevorstand

und letzte Formalia geklärt werden. Die entscheidenden offiziellen Sitzungen über den Zusammenschluss fanden in Döse am 12.Dezember 1904 statt (einstimmig dafür) und am 19.Dezember 1904 in Cuxhaven (15 Ja-Stimmen, 1 Nein-Stimme), woraufhin die entsprechenden Anträge an den Hamburger Senat gerichtet wurden. Am 8.März 1905 wurde der Hamburger Bürgerschaft der Antrag mit dem Gesetzesentwurf mitgeteilt, woraufhin am 12.April das „Gesetz, betreffend Vereinigung der Gemeinde Döse mit der Gemeinde Cuxhaven“ beschlossen werden konnte, das am 1.Mai 1905 in Kraft trat. Die neue Gemeinde „Cuxhaven“ bestand aus den Ortsteilen Ritzebüttel, Cuxhaven und Döse, ganz so, wie es Amtsverwalter Kaemmerer 13 Jahre zuvor geplant hat.